Das unterstützende Umfeld, welches Gregor Mendel beim Eintritt in den Augustinerorden in der Augustiner-Abtei in Alt Brünn 1843 vorfand, war das Ergebnis einer Serie historischer Gegebenheiten. In den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts zwang eine Änderung in der Politik der Habsburger gegenüber den kirchlichen Einrichtungen des Kaiserreiches diese dazu, sowohl dem Staat als auch der Kirche zu dienen. Als Folge wurden Mitglieder der Mönchsorden dazu verpflichtet, in Schulen und Spitälern zu arbeiten. 1807 forderte ein kaiserlicher Erlass, dass die Augustiner den Unterricht in Mathematik und Bibelkunde in dem neu eingerichteten Philosophischen Institut in Brünn zu übernehmen hätten.
 Dies bedeutete, dass die Augustiner-Abtei in Alt Brünn, wo die meisten der Ordensbrüder eine gute Ausbildung erhalten hatten, sich eines reichhaltigen intellektuellen Lebens erfreuen konnte. Die Mönche erhielten Zugang zu verschiedenen wissenschaftlichen Geräten, einer bedeutenden botanischen Sammlung und einer Vielzahl von Lehrbehelfen (zum Beispiel zur Demonstration verschiedener Holzarten). Die Abtei hatte eine ausgedehnte und gut organisierte Bibliothek reich an religiösen, wissenschaftlichen und literarischen Schriften, die den Mönchen zur Verfügung stand, welche ihre Zeit zwischen pastoralen Verpflichtungen, Lehre und Studium aufteilten. Ein Katalog der Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert bezeugt, dass die Abtei schon seit langer Zeit als Studierzentrum fungierte. Einige der Bücher gingen auf das 16. Jahrhundert zurück, darunter klassische Meisterwerke wie zum Beispiel Schriften von Aretino, dem Anatomen Valverde und dem berühmten deutschen Dichter Goethe.
Unter den in der Abtei gefundenen Dokumenten und Objekten sind Listen von Samen, die Mendel für den Garten der Abtei bestellt hatte, sowie Werkzeuge für Pfropfungen. Als Bauernsohn zeigte Mendel bereits in jungen Jahren Interesse für die Naturwissenschaften, wobei speziell die Landwirtschaft als eines der Unterrichtsfächer in seinem Zeugnis aufscheint, gemeinsam mit bibelkundlichen und theologischen Fächern sowie alten Sprachen (Hebräisch, Griechisch und Arabisch).
 Landwirtschaft war erst kurz zuvor als eigene Wissenschaftsdisziplin durch den Naturforscher Christian Carl André (1763-1831) etabliert worden, welcher 1808 empfahl, einen Lehrstuhl der Agrarwissenschaften in Mähren zu errichten. Die Mährische Gesellschaft für die Verbesserung von Landwirtschaft, Naturwissenschaft und Landeskunde (die Landwirtschaftliche Gesellschaft) war 1806 gegründet worden. Die erste Professur für Landwirtschaft in Mähren wurde 1811 in Olmütz eingerichtet, die zweite 1816 in Brünn. Der Lehrstuhl in Brünn wurde 1825 von Franz Diebl (1770-1859) übernommen, einem der engsten Kollegen von Abt Napp. Beide gehörten dem Ausschuss der Landwirtschaftlichen Gesellschaft und der Gesellschaft für Obst- und Weinbau (später: Pomologische Gesellschaft) an, welcher Napp als Präsident vorstand.

Abt Napps Unterstützung für Mendels Studien muss daher in diesem
Kontext gesehen werden. Ihm war es zu danken, dass Mendel an der
Universität Wien inskribieren konnte (1851-53), wo er, wie seine
Inskriptionsbescheinigung beweist, Kurse in Pflanzenphysiologie bei Franz Unger
(1800-1870) und experimenteller Physik bei Christian Doppler (1803-1853)
besuchte, beide entscheidende Persönlichkeiten in Mendels
wissenschaftlicher Entwicklung. In Wien arbeitete Mendel auch als Demonstrator
am Institut für Physik. Die Verbindung zwischen verschiedenen
naturwissenschaftlichen Disziplinen, wie zum Beispiel Botanik und Zoologie, war
bereits von Andreas Baumgartner (1793-1865), bis 1864 Professor der Physik an
der Universität Wien, angeregt worden, welcher auch als Mendels
Prüfer 1850 in Brünn fungierte. Baumgartner war von Mendel so
beeindruckt, dass er Abt Napp vorschlug, den jungen Mönch an die
Universität Wien zu senden. Professor Baumgartner betonte die Wichtigkeit
der Naturforschung, die sich jedoch nicht auf zufällige Spekulationen
stützen sollte, sondern auf Experimente, die durch mathematische Modelle
untermauert sind.
GREGOR JOHANN MENDEL (1822 – 1884)
- 1822
- Geboren am 20. Juli (getauft am 22. Juli) in Heinzendorf, Nordmähren (damals Schlesien) als Sohn der Bauern Anton und Rosina.
- 1831-1833
- Volksschule in Heinzendorf. Im Herbst 1833 wechselte Mendel an die Piaristenschule in Leipnik.
- 1834-1840
- Gymnasium in Troppau. Mendel verdiente sich seinen Unterhalt durch Nachhilfeunterricht für Mitschüler.
- 1840-1843
- Philosophisches Institut in Olmütz. Mendels Studien umfassten Mathematik, Physik, Philologie, theoretische und praktische Philosophie und Ethik.
- 1843
- Augustiner-Abtei in Alt Brünn. Mendel trat als Novize unter Abt C. F. Napp (1792-1867) ein und nahm den Namen Gregor an. Napp und sein Mitbruder F. M. Klacel (1808-1882) sollen beide großen Einfluss auf Mendels Entwicklung als Wissenschafter gehabt haben.
- 1845-1848
- Philosophisches Institut (Brünn). 1846 schloss Mendel einen Lehrgang in den landwirtschaftlichen Studien des Obst- und Weinbaus ab.
- 1846
- Mendel wird zum Priester geweiht.
- 1849-1851
- Abt Napp berief Mendel aus gesundheitlichen Gründen von seinem Dienst als Pfarr-Seelsorger ab. Er wurde Hilfslehrer am Gymnasium in Znaim und an der Realschule in Brünn.
- 1851-1853
- Universität Wien. Mendel studierte Physik, Mathematik sowie Naturgeschichte und besuchte Kurse in „Experimenteller Physik“ (Christian Doppler, 1803-1853), in „Anatomie und Physiologie der Pflanzen“ (Franz Unger, 1800-1870) und in „Praktische Übungen zur Verwendung des Mikroskops“.
- 1854
- Errichtung des Glashauses im Abteigarten
- 1854-1868
- Realschule, Brünn. Mendel unterrichtete Physik und Naturgeschichte.
- 1854-1864
- Experimentelle Arbeit mit Gartenerbsen (Pisum sativum). Mendel führte im Abteigarten Kreuzungsexperimente mit Pflanzen durch. Zwei Jahre lang wählte er Linien von Pisum sativum mit reinerbigen Merkmalen aus.
- 1861
- Mitbegründer des Naturforschenden Vereins in Brünn.
- 1862
- Mendel liest die deutsche Übersetzung der zweiten Ausgabe (1860) von Darwins „On the Origin of Species“ (Über die Entstehung der Arten) und macht Anmerkungen an den Rändern
- 1863
- Erste Publikation über seine meteorologischen Beobachtungen. Mendel setzte sie bis 1882 fort.
- 1865
- Vorträge mit dem Titel „Versuche über Pflanzenhybriden“ in der Februar- und März-Sitzung des Naturforschenden Vereins in Brünn. 1866 veröffentlichte Mendel diesen Vortrag, eine Arbeit, die ihn zum „Vater der Genetik“ machen sollte. Im gleichen Jahr nahm er seine Korrespondenz mit Carl Nägeli auf (1817-1867).
- 1868
- Mendel folgte Abt Napp in seinem Amt nach, der im Jahr 1867 verstorben war.
- 1870
- Publikation über seine Experimente mit Habichtskraut (Hieracium).
- 1871
- Errichtung des Bienenhauses im Abteigarten.
- 1872
- Mendel wurde das Commadeurkreuz des k. k. österreichischen Franz-Josephs-Ordens verliehen.
- 1881
- Direktor der mährischen Landeshypothekenbank (Brünn).
- 1884
- Mendel starb am 6. 1. 1884. Er wurde drei Tage später auf dem Brünner Zentralfriedhof begraben. In einem Nachruf der Gesellschaft zur Förderung des Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde 1884, Nr. 1 stand zu lesen:
„Seine Experimente mit Pflanzenhybriden eröffneten eine neue Ära“.
Das Mendel Museum möchte sich bei Elisabeth Haring, Jirina Relichova und Vitezslav Orel für die freundliche Unterstützung bei der Erstellung dieser kurzen Biographie bedanken
V. Orel: Gregor Mendel the first geneticist. Oxford University Press (1996)
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